Blog

Blog 4.6.2016

Faust I – Ballett von Xin Peng Wang – Ballett Dortmund – Opernhaus Dortmund.

Musik von Henryk Nikolaj Górecki (Sinfonisches und Streichquartette in Streichorchesterversionen), Michael Daugherty, Bryce Dresdner, Igor Wakhevitch, Super Flu und Rammstein.

Dortmunds Ballettchef Xin Peng Wang und Dramaturg Christian Baier haben nach zwei großen Romanen von Thomas Mann und einem Drama von Arthur Schnitzler nun Goethes Drama Faust I adaptiert. Der Tragödie zweiter Teil soll in der nächsten Spielzeit folgen.

Das Ballett ist in einen Prolog und acht prägnante Bilder/Szenen eingeteilt. Mephisto – von Hiroaki Ishida sehr lebendig und überzeugend dargestellt – mit dem rechten Fuß in einem Eimer bewegt sich zwangsläufig weniger tänzerisch als spielerisch. Mephisto wäre nicht Mephisto, wenn er dann nach vielen erfolglosen Versuchen, sich davon zu befreien, doch plötzlich mit großer Leichtigkeit seinen Fuß aus dem Eimer zieht und triumphierend die Bühne verlässt.

Wunderbare Bühnenbilder z. B. ein riesiger Spiegel, der die Personen auf einem Schachbrettboden von schräg oben reflektiert, teils prächtige Kostüme und ein phantastisches Lichtdesign samt Beleuchtung schaffen eine geheimnisvolle Welt, in der der zunächst alte Faust – Andrei Morariu – und Mephisto mit weiteren Geschöpfen der Hölle sowie allegorischen Figuren agieren.  Irritiert bin ich von langen verfremdeten Sprechpassagen aus dem Off. Ist es nicht die große Kunst des Balletts “nur” mittels Körperbewegung und Musik zu sprechen? Nun, in späteren Szenen frönen die Inszenierenden multimedialem Spektakel, indem auf elf unterschiedlich großen quadratischen Projektionsflächen, die im Raum hängen, unterschiedliche sich wandelnde durchaus interessante Bilder zu sehen sind – später auf allen Tafeln das gleiche. Schade, dass ich kaum noch etwas von den Tänzern und Tänzerinnen wahrnehme. Wo soll ich denn hinschauen? Muss/Soll ich den Tanz nicht mehr sehen? An anderer Stelle werden teils sich überschneidende Texte in diversen Sprachen auf die Bühne projiziert, ein Schriftband läuft im Vordergrund. Schafft sich das Ballett hier selbst ab?

Abgesehen von diesen multimedialen Überfrachtungen sieht man – in gewohnt hervorragender Weise – sehr gut choreographierte Ensembles und Solisten, die das Geschehen nacherlebbar und ungekünstelt tanzen. Und das in einer wie gesagt tollen Ausstattung. Die Walpurgisnacht zu Rammsteins “Ich will” gelingt als ein Höhepunkt in diesem Ballett. Das Publikum ist – zurecht – begeistert.

Zu erwähnen sind da noch und insbesondere der junge Faust von Alyson Rocha, Margarethe von Haruki Sassa und Mathe Schwerdtlein von Denise Chiarioni getanzt. Die vielen weiteren Tänzerinnen und Tänzer, die ebenso hervorragend getanzt haben, müssten auch namentlich genannt werden, aber das würde hier den Rahmen sprengen.

Die Musik gibt dem Geschehen überwiegend im ersten Teil mittels flächigen und gedehnten Klängen eine fast sakrale Atmosphäre und ist später eher motorischer Natur und tut so das ihre zu dem Gesamten. Die im zweiten Teil deutlich rhythmischere Musik schafft einen bruchlosen Übergang zu Super Flu und Rammstein.

Ein Ballettabend, den ich mir sicherlich noch einmal anschauen werde. Das Opernhaus – wie fast immer beim Ballett – war ausverkauft. Also sollte man sich rechtzeitig um Karten bemühen. Es lohnt sich!

Noch eine Randbemerkung zur Musikrezeption: Immer wieder interessant finde ich, dass die hier teilweise recht dissonanzenreiche Musik scheinbar schmerzfrei und wie selbstverständlich vom Publikum auf- und angenommen wird. Ein Publikum, welches man übrigens in Konzert und Oper kaum und in Konzerten mit neuer Musik wohl gar nicht antrifft. Ähnlich wie in der Filmmusik schafft die Funktionalisierung der Dissonanz die widerspruchslose Akzeptanz. (So steht der Tanz dann doch wieder am Ende.)