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Blog 14.4.2017 – Der Ring des Nibelungen: Die Walküre – Oper

von Richard Wagner – Deutsche Oper, Berlin – Inszenierung: Götz Friedrich – Leitung: Donald Runnicles.

Zum gestrigen Abend – genauso wie heute Abend – muss ich unbedingt (noch) die hörenswerte Einführung von Curt A. Roesler erwähnen. Er plaudert jeweils eine halbe Stunde vor der Aufführung aus dem Nähkästchen der Entstehung der Inszenierung. Das ist sehr informativ, unterhaltsam, aber auch rhetorisch (weil frei und wohlformuliert gesprochen) ein Genuss. Er war bei der Entstehung dieser Inszenierung dabei und hat so authentische Erinnerung und Information.
So ist es interessant zu erfahren, dass die Premiere dieser Walküre im dritten Akt aufgrund massiver Proteste des wagnerianischen Publikums abgebrochen wurde, aber doch zu Ende gespielt wurde. Man rieb sich an der Erscheinung der Walküren auf, die in schwarzes Leder gewandet wie Rockerbräute daherkamen, als wären sie gerade vom Motorrad gestiegen. Außerdem wuschen sie die toten Helden, die sie zuvor gesammelt hatten, und dabei muss wohl entblößte Männlichkeit sichtbar geworden sein. Einfach skandalös! Das ist heute gar nicht mehr zu sehen – die toten Helden sind geschlechtslose Puppen (so sehe ich es zumindest im oberen Rang). Die toten Helden fordert Wagner selbst in seinen Regieanweisungen. Die Rockerbraut ist heutzutage ästhetisch etwas überholt und regt niemanden mehr hörbar auf.
Der erste Akt ist für mich kompositorisch dicht – ähnlich wie Das Rheingold – und vergeht rasch. Im zweiten Akt hat es dann erste Längen. Der Text wird allerdings mittels Langsamkeit gut verständlich und so fällt mir beim Dialog Wotan, Fricka zu Beginn eine Zeile Wotans auf, die für die Rezeption an sich steht bzw. ein Pausengespräch nach dem ersten Akt mit zwei Ringsüchtigen Damen reflektiert: Stets Gewohntes nur magst du versteh’n, …
Die eine entgegnet auf meine Bemerkung, dass ich den Ring erstmals in dieser zeitlichen Dichte (es gibt nur einen Tag Pause vor der Götterdämmerung) erlebe und das gut finde: Sie hat den Ring schon an vier direkt aufeinander folgenden Tagen erlebt (in Leipzig) und sogar innerhalb von neun Tagen zwei komplette Ringe erlebt. … Sind die Opernkarten eigentlich stark subventioniert? fragt sich die andere. Vielleicht mit 100€ pro Platz? – Nun, es sind wohl eher mehrere hundert Euro pro Platz! … Ja, der Castorf-Ring in Bayreuth, da gefiel ihr (der ersteren) nur das Bühnenbild. Der war ihr (der anderen) zu kommunistisch! – Ich stutze, habe ich richtig verstanden? Damit kann ich nichts anfangen, was ich auch artikuliere und was wiederum Unverständnis hervorruft. – Ja, der dritte Akt der Walküre: die Walküren haben ihr (der ersteren) gar nicht gefallen (sie hat diese Inszenierung schon mehrfach gesehen). … Aber heute ruft das keinen Skandal mehr hervor. Und – wie gesagt – von nackter Männlichkeit sehe ich nichts.
Der dritte Akt hat wieder seine Längen, die sich wie Curt A. Roesler schon angemerkt hat, möglicherweise in der sinfonischen Anlage der Komposition begründet finden. Insofern sind die sogenannten Leitmotive – je weiter wir im Ring voranschreiten, so denke ich – auch eher als sinfonische Strukturen zu sehen und zu hören. Aber auch trotz Längen ist der Abend insgesamt ein gr0ßartiges Ereignis und ein Genuss!